Sarah Diehl

fühlt sich im politischem Aktivismus ebenso zu Hause wie in der Literatur. 
Deshalb ist - neben Ausflügen in Belletristik, Journalismus und Dokumentarfilm - mein Lieblingsformat derzeit das erzählende Sachbuch.

Gerade erschienen:

Die Freiheit, allein zu sein
- Eine Ermutigung
Arche Verlag, 368 Seiten
24 €

"Im heutigen Strudel aus Karriere- und Familienplanung werden wir daran gehindert, ein gutes Verhältnis zum Alleinsein zu entwickeln.
Dabei brauchen wir es unbedingt, um uns äußeren Erwartungshaltungen zu entziehen und uns mit uns selbst komplett zu fühlen."

Hier die Aufzeichnung der Buchpremiere: Sarah Diehl im Gespräch mit Katrin Gottschalk im taz talk

Über Mich


Mit 13 fiel mir auf, dass es in dem Dorf, in dem ich aufwuchs, drei Bordelle und kein Kino gab. Angesichts dieser Ungerechtigkeit in der Unterhaltungsindustrie für Männer und Frauen entschied ich mich Feministin zu werden. Nun lebe ich als Publizistin, Romanautorin und Aktivistin in Berlin.

Anfang 20 gerade in Berlin angekommen, gab ich mit Jörg Sundermeier die Anthologien -Kreuzbergbuch-, -Mittebuch- und -Neuköllnbuch-  im Verbrecher Verlag heraus, mit dem ich mich heute noch freundschaftlich verbunden fühle. Als Berlinanfängerin konnte ich darin meinen eigenen Grosststadtsehnsuchtsfantasien (die ich damals in dieser Kurzgeschichte niederschrieb) nachgehen.
Aber mein grösstes Steckenpferd war der Feminismus und so gab ich mit -Brüste Kriegen- 2004 meine erste eigene Anthologie heraus. Eine Kompilation an Kurzgeschichten mit Leuten wie Francoise Cactus, Peaches, Ingrid Stobel oder Maroula Blades, darüber, wie Menschen lernen, Frauen werden zu müssen.

Irgendwann als ich Afrikawissenschaften und Gender Studies an der HU studierte begegnete mir dann diese Zahl: 78.000 Frauen sterben jedes Jahr an einer selbstgemachten Abtreibung, weil sie in Ländern leben, in denen der eigentlich sehr sichere Eingriff illegal ist und deshalb medizinisch nicht korrekt durchgeführt wird. Da es mich interessierte, wie Frauen in der Illegalität etwas für sie so Essentielles selbst organisieren müssen, nahm ich meinen ganzen Mut und eine kleine Kamera und fuhr nach Südafrika und Polen, um Interviews darüber zu machen. Daraus entstand 2008 der Film Abortion Democracy – Poland/South Africa, der beim XXIV. Black International Cinema Filmfestival in Berlin den Preis für den besten Film eines deutschen Filmemachers gewann und mit dem ich mehrere Tourneen durch Europa und Nordamerika machte, u.a. auch für Kampagnen zur Legalisierung von Abtreibung in Irland. Mehr zum Film findest Du hier.

Seither arbeite ich als Aktivistin gut vernetzt mit internationalen Pro-Choice Organisationen zum Thema reproduktive Rechte im internationalen Kontext und da mir „nur“ Medienarbeit nie genug war, gründete ich gemeinsam mit polnischen Aktivistinnen 2014 Ciocia Basia, eine Organisation, die Menschen aus Polen hilft, Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland vornehmen zu lassen, da diese in Polen illegal sind. Neben direkter Hilfe gab es auch immer wieder Aktionen, um dem Thema Öffentlichkeit zu verschaffen, wie hier in Kooperationen mit Women on Waves

2017 bekamen wir dafür den Clara Zetkin Preis verliehen. Mittlerweile gibt es den Zusammenschluss Abortion without Borders, in dem verschiedene Pro Choice Selbsthilfe-Organisationen in Europa netzwerken, um Frauen zu helfen zu bekommen, was sie brauchen. 

In all meiner Arbeit habe ich immer wieder besonderes Interesse daran, wie Menschen versuchen sich aus den ihnen zugeordneten Stereotypen herauszuwinden: so auch in meinem meinem Debütroman Eskimo Limon 9, der 2012 erschien. Darin erzähle ich die Geschichte einer israelischen Familie, die es in die hessische Provinz verschlägt und dort die deutsche Gedenkkultur einem radikalen Praxistest unterzieht.
Während Ziggy versucht, sich mithilfe des altlinken Dorfkauzes Rainer Koffel in der neuen Heimat zurechtzufinden, klärt ihr Sohn Eran seine interessierten Mitschüler darüber auf, dass die Eis am Stiel-Filme, anders als von der Dorfjugend vermutet, nicht aus Italien, sondern aus Israel kommen – wo sie Eskimo Limon heißen. Die Dorfbevölkerung verspürt das zunehmende Bedürfnis, unter Zuhilfenahme der Zugezogenen das Dritte Reich aufzuarbeiten. Dabei tritt zutage, dass die Deutschen zwar vieles über Judenvernichtung – aber kaum etwas über Juden wissen …
Hier könnt ihr zwei Rezensionen aus dem SPIEGEL und Der Jüdischen Allgemeinen lesen.
Hier ein Text über die Arbeit an dem Roman aus der Anthologie "Was hat der Holocaust mit mir zu tun?"

Da es mich immer wieder beschäftigte, wie Themen um Mutterschaft und Weiblichkeit dazu genutzt werden, das Selbstbewusstsein von Frauen einzuschränken, schrieb ich 2014 den Bestseller „Die Uhr, die nicht tickt“. 

Wenn meine biologische Uhr mir etwas sagt, dann, 
dass ich im besten Alter bin, dieses Buch zu schreiben.“ 

Denn das Reden über die biologische Uhr und einseitige romantische Bilder über Mutterschaft ist so allgegenwärtig, dass Frauen sich selbst misstrauen, wenn sie die Uhr nicht ticken hören. Sie zweifeln ihre eigene Entscheidungsfähigkeit an, weil ihnen vermittelt wird, dass sie etwas anderes wollen müssen.
In dem Buch schaue ich mir genauer an, wie das Mutterideal Frauen dazu treibt, ihre eigenen Bedürfnisse anzuzweifeln und zu vernachlässigen und warum Kinderlosigkeit immer noch pathologisiert wird, um Frauen als das unbezahlte Personal der Kleinfamile behalten zu können. Denn unbeirrt wird festgehalten an der Vorstellung vom angeborenen Mutterinstinkt und an der Idee vom allein seligmachenden Glück der Kleinfamilie. Während Politik und Gesellschaft immer noch zu wenig tut, damit die Mehrbelastung der unbezahlten Fürsorgearbeit an Frauen hängen bleibt, werden demografische und biologistische Schreckgespenster aufgebaut, um an alten Familienkonzepten und der geschlechtlichen Arbeitsteilung festhalten zu können. Kein Kind zu wollen, gilt als unnatürlich, egoistisch oder feige. Viele Frauen verlieren sich selbst in diesen negativen Bildern, weshalb ich in diesem Buch einen Handwerkskoffer der Analyse bereit stellen wollte, wie und warum das schlechte Image der kinderlosen Frau als Druckmittel zur unbezahlten care-Arbeit aufgebaut wird. Ich habe mit vielen Frauen Interviews geführt, die freiwillig keine Mütter sind. Die Gründe sind vielfältig, Egoismus oder Narzissmus gehören nicht dazu.

"Es hat nichts mit Kinderfeindlichkeit zu tun, wenn Frauen keine Kinder wollen, sondern mit dem überfordernden Mutterideal, das die hart erkämpften Freiräume von Frauen wieder einschränkt."

Pressestimmen  


»Ein wichtiges Buch für Menschen ohne und mit Kindern, das den Blick für die unterschiedlichsten Lebensentwürfe schärft und für Toleranz wirbt.« Der Standard 

»Ihr Buch ist das überfällige Plädoyer für eine vorurteilsfreie und zeitgemäße Einstellung zu Mutterschaft und weiblicher Identität.« Frankfurter Rundschau 


»Ein Plädoyer, weibliche Identität nicht länger an Mutterschaft zu koppeln.« Emotion 

»Für ihre These findet Sarah Diehl triftige Argumente. (...) Es ist diese Selbstverständlichkeit, die Sarah Diehl in ihrem nachdenklichen und klugen Buch in Frage stellt.« MDR Figaro 

»Sarah Diehl [setzt] auf Vielstimmigkeit. Ihr scharfsinniges und meinungsfreudiges Buch verbindet detailreiche Alltagsbeschreibung, gesellschaftliche Analyse und das Aufzeigen von Alternativen.« WDR 3 


Auch Kurzgeschichten habe ich immer wieder geschrieben und veröffentlicht:
u.a. hier ...


Während der Pandemie war es mir zudem ein besonders Vergnügen die Absurditäten des Corona-Alltags
in der taz-Kolumne Berlin Viral zu beschreiben

Beiträge für Sachbücher erschienen u.a. hier...

Zudem bin ich immer wieder Interviewpartnerin für Podien und Dokumentar- und Filmprojekte, ... habe selbst zum Thema zahlreiche Artikel geschrieben ... und zahlreiche Interviews gegeben:
ein Sammelsurium über weibliche Selbstbestimmung findest Du hier

Mit "Die Uhr, die nicht tickt" bin ich immer noch für Lesungen und Vorträge unterwegs. Termine findet ihr hier.
Mir war es dabei immer wichtig alle Themen um Reproduktion und Weiblichkeitsideale im Zusammenhang zu denken und nicht gegeneinander auszuspielen.
So sind mir Themen wie selbstbestimmte Geburt ebenso wichtig wie selbstbestimmter Schwangerschaftsabbruch, eine Normalisierung eines kinderfreien Lebens ebenso wie Verbesserungen für Familien und soziale Elternschaft.

Ich bekam immer wieder Anfragen von Frauen, die mit mir über ihre persönliche Situation beim Thema Mutterschaft oder Kinderlosigkeit sprechen wollten. 
Da ich immer grosse Lust habe, mit Frauen direkt zu arbeiten, tat ich mich 2021 mit der Körpertherapeutin und Coach Anna Schmutte zusammen, um ein Seminar zu entwickeln, in denen wir Frauen helfen, ihren Bedürfnissen und Gedanken auf den Grund zu gehen, ob sie Mütter werden, kinderfrei leben wollen, oder ob soziale Elternschaft etwas für sie ist. Diese Fragen docken an so viele Lebensthemen an und ich bin immer wieder berührt und begeistert davon, wie bodenlos schön und hilfreich der Austausch in diesen Seminaren ist.

www.diekinderfrage.de

Hier ein Interview mit mir darüber im STERN

Viele Gedanken, die in den letzten Jahren entstanden, seit ich mit „Die Uhr, die nicht tickt“ unterwegs bin, formierten ein neues Sachbuch: 


"Im heutigen Strudel aus Karriere- und Familienplanung werden wir daran gehindert, ein gutes Verhältnis zum Alleinsein zu entwickeln. Dabei brauchen wir es unbedingt, um uns äußeren Erwartungshaltungen zu entziehen und uns mit uns selbst komplett zu fühlen."

Alleinsein ist nämlich nicht nur als elementarer Teil der Selbstfürsorge essentiell, als lustvoller Raum für den eigenen Flow und unzensierte Wahrnehmung, der sich den Bewertungen anderer entzieht, sondern ermöglicht durch diese Denkräume auch progressive Veränderung, die sich auf das gesellschaftliche Miteinander positiv auswirken. Denn gesellschaftliche und strukturelle Zwänge lassen uns nicht aus ihren Fängen: sie lassen uns nicht allein, um unser Hamsterrad an Familien- und Karriereplanung zu reflektieren, die uns suggerieren, dass wir erst noch zu jemand wertvollem werden müssen, dass wir also nie genug sind, so wie wir sind.
Frauen ließ man schon immer weniger Raum zum Alleine sein, gerade wenn sie in Partnerschaft oder wenn sie Mütter sind. Denn unser Frauenbild besagt immer noch, dass Frauen eher für die Bedürfnisse anderer da sein sollen als für ihre eigenen. 
Gerade deshalb sehe ich mir das Thema nicht nur, aber vor allem aus Frauenperspektive und über Frauenbiografien an.


Das Buch erscheint am 
21. September 2022
Die Buchpremiere wird am 10. Oktober in der taz Kantine (Friedrichstraße 21 in Berlin) sein, moderiert von der tollen Katrin Gottschalk.

Nun schliesst sich der Kreis auch dieses kurzen Abriss' meiner Arbeiten: 

Als Teenager auf dem Dorf habe ich unter Einsamkeit gelitten. Ich habe dadurch aber auch gelernt mir das Alleinsein anzueignen. Manchmal bin ich über die Landstraßen getrampt, nur um mal mit anderen zu reden und wurde dabei von Männern mitgenommen, die ebenfalls aus Einsamkeit ziellos im Auto rumfuhren. Das Schreiben dieses Buches war auch eine Gelegenheit meinen Werdegang zu überdenken: von damals bis hin zu der Frau, die ich jetzt bin, die extrem gerne alleine unterwegs ist. 

Deshalb machte ich mich ich als die gemütlichste Fahrradfahrerin der Welt im Spätsommer alleine auf den Weg zum Schwarzen Meer. Es war eine schöne Auszeit bis nun der schöne Trubel mit dem neuen Buch beginnt. Der Reisebericht hierzu erscheint demnächst in der Sammlung "Europa für Eigensinnige" im Bebra Verlag.